L.A. Noire

31. Juli 2011                                                                                  Autor: Dennis Schuppler (ds)

L.A. Noire ist im wahrsten Sinne des Wortes ein SPIEL-FILM: Brillante Story, großartige Dialoge und so lebensecht umgesetzt wie kaum ein anderes Videospiel bisher. Allerdings hat natürlich auch dieses Spiel seine Schattenseiten:

„Kiss the Blood! BD“ – diese mysteriöse Botschaft am Körper einer Frauenleiche ist ein eindeutiges Indiz für Detective Cole Phelps: Erst vor wenigen Tagen hatte es ein nahezu gleiches Verbrechen in Los Angeles gegeben. Allerdings war der Täter bereits kurze Zeit später erwischt und ins Gefängnis gesteckt worden. Handelt es sich bei dem neuen Mord etwa um das Werk eines Nachahmers? Oder sitzt der falsche Mann wegen Mordes im Knast?

Solche Fragen brennen euch in L.A. Noire immer wieder unter den Nägeln! Los Angeles ist in den 1940er Jahren ein Sündenpool, dessen glänzende Oberfläche die tiefsten Abgründe versteckt. Statt sich auf High-Tech-Labors und modernste Kriminaltechnik zu verlassen, seid ihr in der Haut von Cole Phelps auf eure Spürnase und  Kombinationsfähigkeiten angewiesen. Dadurch setzt L.A. Noire einen sehr guten Kontrast zu Heavy Rain, wo insbesondere die „Wunderbrille“ des FBI-Agenten spielerisch zwar interessante Ansetze hatte, aber wegen ihres Futurismus trotzdem negativ auffiel.

L.A. Noire wird mit Sicherheit bei vielen Spielern auf die kalte Schulter stoßen, denn Rockstar könnte das eigene Image zum Verhängnis werden: L.A. Noire ist völlig linear und bietet in keiner Weise den Handlungsfreiraum von GTA oder Red Dead Redemption. Auch die packenden Action-Szenen aus einem GTA fehlen. Hier ist die Action um die Story geschrieben und nicht die Story um die übertriebene Action. Anders als erwartet, flieht Rockstar Games nie in planlos wirkende Schießereien oder Verfolgungsjagden, um Spannung zu erzeugen.

L.A. Noire geht stattdessen unter die Haut und erzeugt permanenten Nervenkitzel durch sein Spieltempo. Die meiste Zeit verbringt ihr damit, in detektivischer Kleinarbeit nach Indizien zu suchen, potenzielle Täter zu verhören und die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen.

L.A. Noire nutzt dabei eine brandneue Technologie namens MotionScan, mit der lebensechte Gesichtsanimationen möglich sind. Um L.A. Noire wirklich mit Leben zu füllen, hat Rockstar für die Hauptfigur Cole Phelps den Schauspieler Aaron Staton ausgewählt. Ein weiterer wichtiger Charakter ist Detective Galloway, in dessen virtueller Haut Michael McGrady steckt: Neben seinen Hauptrollen in The Perfect Family und Southland war er außerdem bereits in 24, CSI, Lie to me, The Mentalist, Bones, Grey’s Anatomy und J.A.G. zu sehen.

Über 400 Schauspieler und Statisten wurden für L.A. Noire gefilmt und eingescannt. Dank MotionScan erreicht die Optik der Haupt- und Nebencharaktere dabei eine Qualität, die sich ohne Übertreibung als fotorealistisch bezeichnen lässt.

Die Verhöre in L.A. Noire mögen auf den ersten Blick wie in die Länge gezogenen Dialoge aus einem Rollenspiel wirken. Doch weit gefehlt: Unter der Oberfläche brodelt es gewaltig, wenn sich im Gesichtsausdruck der Verdächtigen zeigt, ob sie die Wahrheit sagen oder lügen. Unsichere Blicke, nervös zuckende Mundwinkel, auffällige Handbewegungen – selbst die kleinste Geste kann zum Indiz werden, dass ihr auf der richtigen Fährte seid.

Dennoch seid ihr ständig nicht 100%ig sicher, ob ihr mit der jetzigen Entscheidung wirklich richtig liegt: Mit jeder eurer Entscheidungen und Fragen manövriert ihr euch unter Umständen tiefer in eine Sackgasse.

In solchen Momenten wird L.A. Noire zu einem Meilenstein der Spielegeschichte und vereint das Beste aus zwei Welten: Die Emotionalität und dramaturgische Geschlossenheit eines Films mit dem Suchtfaktor eines Videospiels.

Wenn ihr die  Aussage eines Zeugen anzweifelt oder ihn der Lüge bezichtigt, erhaltet ihr weniger Hinweise auf den wahren Täter oder die Motivation hinter dem Verbrechen. Dadurch wird es immer schwieriger, den Fall zu lösen – aber leider nie unmöglich. Denn die größte Stärke und die größte Schwäche von L.A. Noire liegen näher beieinander als die Leichen im Spiel: Immer wieder wird  euch aus der Patsche geholfen und euch dadurch die Illusion geraubt, euer eigenes Schicksal wirklich in der Hand zu haben. Der Täter kann nur dann entkommen, wenn es die Handlung vorsieht. „Game over“-Bildschirme gibt es in L.A. Noire nur, wenn ihr ins Gras beißt oder der Täter bei der Flucht entkommt.

Solange ihr in den Dialogen Entscheidungen trefft, steigt ihr die Karriereleiter in L.A. Noire nach oben – ganz gleich, welche Entscheidung ihr trefft. Dadurch erreicht das Spiel fast schulische Elemente, indem es uns beibringt, dass selbst die schlechteste Entscheidung noch besser ist als gar keine Entscheidung. Nach richtiger Polizeiarbeit sieht L.A. Noire dadurch nicht wirklich aus und nimmt dem Spieler jegliche Motivation, erneut in L.A. abzutauchen.

Während der Spurensuche am Tatort werdet ihr von L.A. Noire nicht nur an die Hand genommen, sondern mit der Nase auf jedes Beweisstück gedrückt: Dank eines leisen Sounds und einem Vibrieren des Controllers ist es nahezu unmöglich, einen Hinweis zu übersehen. Der Schwierigkeitsgrad sinkt dadurch quasi auf den Nullpunkt, denn auch in den actionreichen Momenten des Spiels stoßen selbst Gelegenheitsspieler mit schlechten Reflexenauf auf keine unmöglichen Hürden. Dabei dürfte es sich jedoch um eine Design-Entscheidung handeln: L.A. Noire soll zugänglich genug für alle Spieler sein, da das grundlegende Konzept und die Umsetzung bereits kompliziert genug sind.

Habt ihr allerdings akzeptiert, dass die Handlung von L.A. Noire nicht von euch selbst geschrieben wird, sondern ihr auf vorgeschriebenen Pfaden lauft, kehrt der Spielspaß schnell wieder zurück. Beißt also während der kurzen Phase der Ernüchterung die Zähne zusammen und freut euch lieber darauf, die mit viel Liebe zum Detail gestalteten Fälle zu lösen.

Fazit:

L.A. Noire erreicht zwar nicht die emotionale Tiefe und Spannung von Heavy Rain, aber eine alte Weisheit lehrt uns: „Ziel immer auf den Mond – Selbst wenn es vorbei geht, bist du immerhin bei den Sternen“.

L.A. Noire lebt von seiner Atmosphäre, seiner Grafik und seinem eigenen Stil: Die Handlung und die Charaktere wirken direkt wie aus einem 40er Jahre Roman entsprungen. Rockstar Games gelingt es mit L.A. Noire immer wieder zu zeigen, dass Film und Videospiel wirklich miteinander verschmelzen könnten.

Deshalb ist L.A. Noire ein Muss für alle, die nach frischen und unverbrauchten Genre-Ideen suchen und nicht verpassen wollen, wie Film und Spiel verschmelzen.

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