Fallout: New Vegas
28. Februar 2011 Autor: Dennis Schuppler (ds)
Noch mal schnell ins Laufwerk geschaut: Es ist tatsächlich Fallout: New Vegas. Wer Fallout 3 gespielt hat, fühlt sich sofort heimisch. Die postapokalyptische Welt, Steuerung, Optik und Gegner sind vertraut Je länger ihr spielt, desto offenkundiger werden die Ähnlichkeiten zum Vorgänger. Nicht nur, dass die Verwaltung über den Pip-Boy quasi unverändert übernommen wurde, auch viele Texturen habt ihr als Fallout 3-Spieler bereits gesehen. Sogar einige der kleineren Bugs wie Framerate-Einbrüche, im Boden steckende Gegner oder verschwindende Details bei gezogener Waffe in der Ego-Perspektive kommen einem altbekannt vor. Auch etliche Gebäude und Räume begrüßen euch mit einem herzlichen “Willkommen Zurück” … Déjà-Vu.
Ist das umfassende Recycling auch so schlimm? Nein, schließlich war Fallout 3 für viele Zocker das beste Spiel des Jahres 2008. So malt Obsidian Entertainment, die das Spiel im Auftrag Bethesdas Software entwickelt haben, die Fallout 3-Schablone denkbar originalgetreu nach. Sie haben am grundsätzlichen Spiel fast nichts geändert, liefern aber eine neue Story und kleinere frische Features.
New Vegas spielt nicht wie Fallout 3 im Großraum Washington D.C., sondern in der Mojave-Wüste rund um die Sündenstadt Las Vegas. Die Gegend wurde von der atomaren Verwüstung nicht so stark in Mitleidenschaft gezogen, so dass hier etwas weniger Ghule und Mutanten hausen und auch nicht grundsätzlich alles in Schutt und Asche liegt. An einigen Stellen blieben sogar kleine Inseln der Zivilisation erhalten. Was natürlich nicht heißt, dass das Leben ein Zuckerschlecken ist: Etliche Fraktionen führen offen Krieg miteinander. Es liegt an euch, wie ihr euch platziert und mit den einzelnen Parteien stellt. Dabei ist es noch schwerer, eine klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse zu treffen.
Damit sind wir dann auch bei einer der Änderungen: Das abstrakte Karma-System für gute und schlechte Entscheidungen wurde um ein Ruf-System bei jeder einzelnen Fraktion ergänzt. So könnt ihr einerseits netter Schwiegersohn sein, andererseits trotzdem eine passable Stellung bei den schrecklichen Banditenbanden erlangen. Oder trotz mehrerer Morde im Lebenslauf im kleinen Nest Goodsprings noch vergöttert werden. Nach wie vor habt ihr nämlich volle Entscheidungsfreiheit: Ihr könnt die offene Spielwelt frei bereisen, nach Herzenslust gut oder böse sein, umherschleichen, stehlen, einbrechen, Leute mit euren erstaunlichen Sprachfähigkeiten belabern oder euch einfach die Zeit vertreiben – und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als Las Vegas? Dort könnt ihr euch dem Glücksspiel in Form etlicher Minispiele hingeben, Black Jack, Roulette oder das neue Karawane zocken und so Geld gewinnen oder eher verlieren.
Die Kohle braucht ihr dringend, denn es wollen jetzt noch mehr Gegenstände einen Platz in eurem Inventar haben. Nicht nur, dass es jetzt verschiedene Munitionsarten und Modifikationen für eure Waffen gibt, ihr sie also “pimpen” könnt. Das Crafting-System präsentiert sich komplett überarbeitet. An Lagerfeuern köchelt ihr aus den Überresten gekillter Gegner und den zahlreichen gefundenen Kräutern schmackhafte Speisen. Schmiede erlauben das Basteln und Zerlegen von Munition in ihre Einzelteile – wobei ich nicht ganz verstanden habe, warum ausgerechnet “Blei” nichts wiegen soll. An den Werkbänken wiederum baut ihr euch Waffen oder andere nützliche Gegenstände – die nötigen Komponenten und Fähigkeitswerte natürlich vorausgesetzt.
Wenn bei all den neuen Dingen euer Rucksack seine Grenzen erreicht hat, könnt ihr Gegenstände ins Gepäck anderer Begleiterschieben. Die Interaktion mit diesen funktioniert nun besser – über ein Auswahlrad könnt ihr beispielsweise die Kampftaktik festlegen, sie warten lassen oder auf ihr Inventar zugreifen. Die Kampf-Kollegen und anderen Ödland-Bewohner sehen dabei auch schicker aus: Die Optik wurde überholt, die Gesichter erscheinen natürlicher – wenn auch im Allgemeinen zu glatt und sauber. Die Animationen der Figuren wirken nach wie vor künstlich und teilweise unfreiwillig komisch. Das gilt auch für eure Spielfigur, denn obwohl ihr bei der Erschaffung des Aussehens viel mehr Optionen habt als in Teil drei, bewegt sich euer Alter Ego in der 3rd-Person-Ansicht nach wie vor wie losgelöst durch die Gegend.
Darum empfehlen wir dringend die Ego-Perspektive.
Im Kampf wurde ebenfalls viel geändert: Der Nahkampf wurde ausgebaut, ihr könnt beispielsweise bestimmte Spezialangriffe lernen und so Abwechslung in eure Hiebe bringen. Auch das grundlegende Kampfsystem wurde überarbeitet, so hat jede Waffe nun zwei Schadenswerte – einer gibt an, wie gut die Waffe mit Panzerung fertig wird, der andere beziffert den tatsächlich angerichteten Schaden beim Ziel. Da kommen dann auch die verschiedenen Munitionssorten ins Spiel, denn sie verändern diese beiden Werte: Panzerbrechende Geschosse bohren sich leichter durch dicke Kampfrüstungen, Hohlspitz-Geschosse hauen klaffende Wunden in nicht gepanzerte Gegner.
Die wichtigste Änderung im Spielgefühl bringt der optionale Hardcore-Modus. Der bezieht sich nicht etwa auf den Gewaltgrad (da war Fallout ja ohnehin nie zimperlich), sondern auf den Schwierigkeitsgrad. Im Hardcore-Modus rückt das alltägliche Überleben in den Mittelpunkt. Hunger, Durst und Müdigkeit machen euch ständig zu schaffen. Jede einzelne Begegnung mit einem Gegner in den Ödlanden kann die letzte sein, jeder Kampf treibt euch die Schweißperlen auf die Stirn. Ebenso sind die Gefechte hektischer – zum einen sterben die Begleiter gerne mal, zum anderen seid auch ihr trotz Stimpacks verwundbar. Lebenspunkte erhaltet ihr nämlich über einen gewissen Zeitraum zurück. So gibt ein Stimpack eben keinen sofortigen Lebenspunkte-Boost, sondern liefert diesen erst nach und nach über einen Zeitraum von sieben Sekunden. Vorbei ist es mit Instant-Heilungen mitten in der Action. Wer Schaden nimmt, muss diesen aktiv kurieren. Wenn mal wieder eines eurer Körperteile verkrüppelt wird, hilft nur noch der Gang zum Doc oder der Griff zur wertvolle Arzttasche. Auch das Munitionsmanagment gewinnt an Bedeutung – jede einzelne Patrone hat nun ihr Gewicht. So überlegt man sich zweimal, wie viel Schuss man mit auf seine Reisen schleppt. Raketen, Granaten und Minen fallen dabei stark ins Gewicht, da schafft jeder verballerte Schuss gleich wieder Raum im Inventar.
Ihr seht: Etliches wurde verändert oder verfeinert. Doch nicht alle diese Neuerungen sind durchdacht, es bleibt Verbesserungspotential. So kommt das alte Inventarsystem bei den vielen neuen Pflanzen, Munitionsarten und Munitionsbestandteilen nicht mit, die Organisation eines überquellenden Rucksacks wird zur Qual. Wie im Vorgänger lassen sich die Gegenstände nach Waffen, Munition, Kleidung, Hilfsmitteln und Sonstigem filtern. Gerade die letzten zwei Bereiche sind aber immer so voll, dass man lange hin- und herscrollen muss und schnell die Übersicht verliert. Zusätzliche Filteroptionen wären fein gewesen. Ebenso umständlich ist der Vergleich zweier Waffen untereinander: Die zwei besagten Werte, die jede Waffen charakterisieren, wechseln sich auf dem Bildschirm ständig ab, so dass man sich zwangsläufig immer eine der beiden Zahlen merken muss.
Die Minispiele sind auch nicht in letzter Konsequenz durchdacht: Zwar ist gerade Karawane spaßig und spannend. Wer sich darauf einlässt, jagt schnell wie in einem echten Sammelkartenspiel immer weiteren Karten für sein Deck nach. Andererseits lässt es sich sehr schnell und einfach meistern. Da man es bereits früh im Spielverlauf lernt und dann die Mehrheit seiner Partien gewinnt, schwimmt man schon früh in Kronkorken. Die Geldflut ist zwar nützlich, weil man so seinen Rucksack nicht mehr mit Zigaretten und Wodka für den Verkauf beim nächsten Händler füllen muss, aber sicherlich nicht im Sinne des Erfinders.
Fazit:Durch die Wüste von New Vegas weht ein Hauch von Add-on. Es hält sich ales eng an das Erfolgsrezept von Fallout 3 und übernimmt daraus viele Elemente. Die vorhandenen Detailverbesserungen sind nicht alle vollständig ausgereift. Die wichtigste Änderung ist der Hardcore-Modus, der tatsächlich ein neues Spielgefühl bietet, indem er das Überleben in einer unwirtlichen Welt inklusive der Jagd nach dem nächsten Bissen in den Mittelpunkt rückt. Spätestens bei der Atmosphäre kann New Vegas aber wieder voll punkten: Zwar ist das Ödland etwas weniger abgedreht und seine Bewohner sind etwas weniger skurril, dafür ist die Story noch fieser als bisher. Stil und Ambiente nehmen euch wieder für viele, viele Stunden in Beschlag und unterhalten euch bestens. Aber ist das alles Grund genug ein ganz neues “Spiel” auf den Markt zu werfen?!

