Demon’s Souls
Da war es plötzlich. Ohne dass jemand damit gerechnet hätte, erschien vor gut einiger Zeit From Softwares Demon’s Souls in Japan und trat einen für uns Westler völlig unerwarteten Siegeszug an. Aufgrund der englischen Texte machten bald Gerüchte von einem absoluten PS3-Geheimtipp die Runde. Schnell war allerdings auch klar, dass Sony kein Interesse daran hatte, das düstere Fantasy-Abenteuer in unseren Breiten zu veröffentlichen. Zu schwer, zu düster, zu obskur. Das spielt doch keiner freiwillig! Und überhaupt: Wurden die geistigen Vorgänger von Demon’s Souls, die King’s-Field-Games, auf der PSone nicht auch von Fachpresse und Spielern gleichermaßen belächelt und gemieden?
Doch die Geschichte fand ein Happy End. Nischen-Publisher Atlus bewies Weitsicht und brachte das Action-Rollenspiel in die USA, wo es die Verkaufserwartungen bei Weitem übertraf und sich somit ein Ticket für den Europa-Release sicherte. Für die sehnlich erwartete Veröffentlichung dürfen wir uns nun bei Namco Bandai bedanken. Aber was ist dran, am sogenannten PS3-Geheimtipp? Hat From Software wirklich ein Ausnahmespiel geschaffen, oder ist Demon’s Souls einfach ein aus Mangel an Alternativen gehypter Dungeon-Crawler?
Eines steht fest: Demon’s Souls geht mutig seinen eigenen Weg – kein zugänglichen Spaß für zwischendurch! Jede Situation ist voller Frust und Hass. Trotzdem legt From Software ein herausforderndes, knallhartes und gnadenloses Abenteuer vor. Es verlangt euch alles ab und lässt euch immer wieder mit Freude gegen die Wand laufen. Fehler werden eiskalt bestraft. Verliert ihr euer Bildschirm-Leben, ist das hier ein echtes Problem.
Dennoch ist Demon’s Souls absolut fair. Erledigen euch eure Gegner, habt ihr es euch selbst zuzuschreiben – schuld sind weder Spieldesign noch Level-Struktur noch Steuerung. Doch ganz egal, wie oft ihr euch in den Gewölben eine blutige Nase holt, hat euch Demon’s Souls erst einmal in seinen Bann gezogen, kehrt immer wieder mit Freuden in die knüppelharte Spielwelt zurück, um euch zu beweisen.
Faszinierend ist alleine schon das Setting: Mit dem düsteren, wolkenverhangenen Landschaften und seinen bedrohlich aufragenden Mammut-Gebäude haben die Programmierer einen besonders faszinierenden virtuellen Ort geschaffen. Boletaria ist dunkel, bedrohlich, morbide und gleichzeitig wunderschön. Der Stil der Architektur ist irgendwo zwischen mittelalterlichem Realismus und absoluter Gigantomanie einzuordnen. Stets habt ihr das Gefühl, Orte zu bereisen, die so tatsächlich existieren könnten und die sich massiv und real anfühlen. Das Spiel tappt zudem niemals in die Kitsch-Falle. Obwohl Demon’s Souls ein japanisches RPG ist, sieht man ihm das keine Sekunde an. Ebenso wenig orientiert es sich an westlichen Abenteuern. Es handelt sich einfach um eine völlig neuartige Welt voller Gefahren.
Jeder Gegner stellt eine Bedrohung dar – billiges Kanonenfutter werdet ihr nicht vorfinden. Passt ihr nicht ganz genau auf, können bereits die ersten beiden Zombie-Soldaten auf der Palastbrücke euer Leben auf kurze und schmerzhafte Weise beenden. Clever platzierte Bogenschützen sind ebenso gefährlich wie schwerfällige Ritter, von so manch übernatürlichem Wesen in XXL-Ausführung ganz zu schweigen. Wer hier wie ein mittelalterlicher Rambo losstürmt, um sich in klassischer Actionspiel-Manier durch Horden wehrloser Gegner zu schnetzeln, dem ziehen die gegnerischen Horden ganz fix das Fell über die Ohren.
Ihr solltet also nicht rennen, ihr solltet gehen. Dabei habt ihr am besten noch per Schultertaste stets euren Schild parat, um Pfeilen und Armbrustbolzen nicht schutzlos ausgeliefert zu sein. Verfügt ihr über magische Fähigkeiten oder eine Fernkampfwaffe, empfiehlt es sich, einen respektvollen Abstand zu den meisten Gegnern einzuhalten. Aber Vorsicht, viele Widersacher sind ziemlich flink! Stürmen sie wild auf euch zu, wechselt ihr besser in null Komma nichts zu eurer Nahkampfwaffe und sorgt zusätzlich für eine gute Deckung.

Behaltet vor allem eure Kraftleiste im Auge. Ihr könnt nämlich nicht einfach Schlag um Schlag blocken oder endlose Angriffsserien ausführen. Jedes Kampfmanöver zehrt an eurer Kraftleiste. Sie regeneriert sich zwar sehr schnell wieder, zwingt euch aber dennoch, Schläge und Abwehrmanöver gezielt einzusetzen. Lasst ihr es auf einen Nahkampf ankommen, solltet ihr das Kontersystem beherrschen. Wehrt ihr eine gegnerische Attacke im richtigen Moment ab, könnt ihr zu einem geziehlten Gegenschlag ansetzen, der die meisten Widersacher sofort den ins Grab befördert.
Doch auch wenn ihr all diese Regeln verstanden und verinnerlicht habt, ist Demon’s Souls kein Zuckerschlecken. Unachtsamkeit wird bestraft. Hat es euch erwischt, verliert ihr nicht nur alle bis zu diesem Punkt gesammelten Seelen (die ihr für neue Ausrüstung und die Charakterentwicklung braucht), ihr werdet auch als Geist wieder an den Anfang des gerade gespielten Szenarios zurückversetzt und verliert eine Menge Energie. Clevere Spieler verteidigen ihr virtuelles Leben also besser von Anfang an mit aller Kraft. Das ist jedoch aufgrund der Gegner und zahlreichen Fallen ganz schön schwierig. Zusätzlich haben es die Speicherpunkte auf euch abgesehen. Nach beinahe jeder Aktion sichert Demon’s Souls automatisch den Spielstand. Ihr müsst also stets mit den Konsequenzen eures Handelns leben und könnt begangene Fehler nicht durch Laden eines früheren Standes ungeschehen machen.
Zugegeben, dass klingt bislang nicht wirklich reizvoll. Harte Gegner, hoher Schwierigkeitsgrad, üble Strafen für Fehler und ein krankhaftes Speichersystem … das widerspricht doch eigentlich jedem Spieldesign-Trend der letzten zehn Jahre! Zeitgemäße Spiele sollen zugänglich sein, leicht und locker unterhalten, den Zocker auf keinen Fall verärgern und immer wieder etwas Neues bieten. Dem Zwang, ein Kapitel noch mal anzugehen, nur weil man mal ein Leben verloren hat… das hört sich nicht nach einem Casual-Game an!
Aber Demon’s Souls ist nicht einfach nur wegen seines enormen Schwierigkeitsgrades so gut. Ein fieses Spiel zusammenzuschustern, ist keine Kunst. Was Demon’s Souls auszeichnet, ist die perfekt durchdachte Spielwelt und das Vermögen der Designer, euch nicht nur zu fordern, sondern auch zu belohnen. Habt ihr bei Demon’s Souls endlich einen knackigen Boss bezwungen und kehrt reich beladen mit Seelen und Spielerfahrung in die zentrale Welt zurück, stellt sich ein einzigartiges Triumphgefühl ein. Die Siege werden euch bei Demon’s Souls eben nicht geschenkt, ihr müsst sie euch verdienen. Und genau deswegen schmecken sie so unheimlich süß.
Auch beim Online-Modus hat From Software einen kleinen Geniestreich vollbracht. Direkte Kommunikation oder gar ein aus MMORPGs bekanntes Gildensystem gibt es nicht. Die Mehrspieler-Aspekte wurden schlicht, aber äußerst intelligent in das Gesamtdesign eingebettet. So könnt ihr euch in Boletaria beispielsweise Nachrichten hinterlassen. Etwa Warnungen vor Fallen, Hinweise auf Schätze, aber auch fiese Finten, um euch gegenseitig in die Irre zu führen. Andere Spieler dürfen als blaue Phantome in eure Welt einsteigen und euch zur Hand gehen. Als fiese schwarze Phantome wiederum machen sie Jagd auf euch. Deswegen solltet ihr Demon’s Souls niemals ohne Verbindung zum Internet spielen. Ihr würdet einen zentralen Aspekt des Spiels verpassen, der so viel besser durchdacht ist als die meisten halbfertigen Multiplayer-Modi vieler anderer aktueller Titel.
Fazit:Keine Frage, ein vergleichbares Spiel sucht ihr aktuell vergeblich. Jede zu Beginn noch schrecklich wirkende Design-Entscheidung in Demon’s Souls ist hervorragend durchdacht und macht das düstere Abenteuer zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk. Steuerung, Atmosphäre, Schwierigkeitsgrad – all diese Elemente greifen aufs Herrlichste ineinander und werden euch wochenlang herausfordern, auch gerne mal frustrieren, euch aber in jedem Fall stets bestens unterhalten.Mit Demon’s Souls macht From Software einen großen Schritt nach vorne und überträgt all die guten Elemente der in Japan hoch geschätzten und im Westen zu Unrecht geschmähten King’s-Field-Serie in ein modernes, ansprechend präsentiertes Third-Person-Abenteuer. Demon’s Souls ist der Beweis dafür, dass ein bockschweres Adventure der alten Schule auch im Jahre 2011 nicht nur funktioniert, sondern auch gefragt ist.


