Alan Wake
30. April 2011 Autor: Dennis Schuppler (ds)

Videospiele sind erwachsen geworden. Heavy Rain z.B. dreht sich um Leid, Trauer und Schmerz. Anspruchsvoll und eigentlich gar kein Spaß. BioShock 2 mischt seinen bewährten Art-Déco-Grafikstil mit einem gewohnt spannenden Utopia. Keine leichte Kost. Und in genau in diese Kerbe schlägt auch Remedys Action-Adventure Alan Wake.
Es erzählt die Geschichte des gleichnamigen Romanautors – Alan Wake. Alan leidet unter einer Schreibblockade und reist daher mit seiner Frau Alice in das Bergdorf Bright Falls. Hier möchte er abschalten. Wieder neue Kräfte sammeln. Doch kurz nachdem er mit Alice eine Ferienhütte auf dem Cauldron Lake bezogen hat, geschieht das Unfassbare: Seine geliebte Frau verschwindet spurlos. Alan begibt sich auf die Suche und gerät dabei in Lebensgefahr. In Bright Falls ergreift eine dunkle Macht Besitz von den Bewohnern und verwandelt sie in mordhungrige Marionetten. Der Romanautor driftet immer mehr in einen verwirrenden Strudel aus Realität und Albtraum ab. Alan erwacht in seinem eigenen Gruselmärchen.

Alan Wake ist ein ganz besonderes Spiel. Nicht weil das Gameplay so herausragend wäre. Und auch nicht, weil es zweifellos prima aussieht. Alan Wake hebt sich über seine einzigartige Erzählstruktur von vielen klassischen Horror-Abenteuern wie Resident Evil 5 ab. Nachdem Alan Wake den ersten Ausflug in die feindlichen Wälder von Bright Falls überstanden hat, beginnt ein seltsames Katz und Maus-Spiel. Wer hat Alice entführt? Was hat es mit den seltsamen Träumen auf sich, die Alan seit Tagen plagen? Und wieso findet er immer wieder von ihm verfasste Manuskriptseiten? Diese erzählen die Geschichte parallel zum Geschehen auf eurem Bildschirm. Gelegentlich beleuchten sie Ereignisse aus anderen Perspektiven. Oder nehmen spätere Konfrontationen mit besonderen Gegnern vorweg. Zu Beginn etwa liest Alan etwas über einen Angriff von einem Holzfäller und warnt uns somit vor dessen gefährlicher Kettensäge. Auf dem Weg durch die Dunkelheit sorgt bereits das leise Knattern in der Ferne für Gänsehaut.
Doch das Spiel arbeitet nicht nur mit dem geschriebenen Wort: Auch Radiosendungen und Fernseheinspielungen werfen immer wieder Fragen auf oder zeigen Alan beim Schreiben seines Romans. Und das obwohl der Autor laut eigener Aussage ewig keine Zeile mehr zu Papier gebracht hat. Zugegeben, die Geschichte hinter Alan Wake ist hin und wieder ein wenig wirr. Nicht alle Fragen werden beantwortet, kleinere Logikfehler stören den insgesamt überaus positiven Eindruck. Trotzdem bietet dieses Spiel, was wir uns in Zukunft auch bei der Konkurrenz vermehrt wünschen: einen anspruchsvollen Plot und tiefgründige, ehrliche Charaktere.

Ebenfalls klasse: Alan Wake ist wie eine gute Fernsehserie in mehrere Folgen aufgeteilt. Diese werden stilecht mit einem kurzen Rückblick eingeleitet. Dadurch ist es auch nicht weiter schlimm, wenn ihr mal eine Pause einlegt. Das Spiel holt euch schnell ins aktuelle Geschehen zurück. Zudem sind die Levels so ausgelegt, dass sie stets mit einem Cliffhanger enden. Überraschende Ereignisse, offene Fragen oder auch plötzliche Wendungen sorgen für einen Motivationsschub nach jedem Kapitel.
Das Gameplay hinter Alan Wake wirkt gegen die innovative Erzählstruktur geradezu platt. In seinem Kern es das Spiel nämlich ein klassisches Survival-Adventure, dessen Kampfsystem uns stark an Alone in the Dark erinnert. Die Dunkelheit ergreift von Menschen und Objekten gleichermaßen Besitz. So lange diese von einem finsteren Schleier bedeckt sind, sind sie quasi unverwundbar. Ihr müsst den Nebel zunächst mit grellem Licht beseitigen. Dazu greift ihr zu Beginn zu einer Taschenlampe. Mit dem rechten Stick steuert ihr die Funzel, die gleichzeitig als Fadenkreuz fungiert. Trifft der Lichtstrahl einen Besessenen, wird dieser geblendet und die Finsternis nimmt laut schreiend Reißaus. Und bevor jetzt jemand schreit: “Aber das sind doch harmlose Dorfbewohner.” Bereits nach wenigen Minuten erklärt uns Alan, dass die einstmals friedlichen Dörfler bereits verloren und nur noch willenlose, aggressive Hüllen ihrer selbst sind.

Das Waffenarsenal von Alan Wake ist nicht riesig, aber realistisch. So finden wir Pistolen, eine durchschlagskräftige Schrotflinte oder auch ein Jagdgewehr. Besondere Aufmerksamkeit ziehen aber Leuchtpistolen, Leuchtfackeln und Blendgranaten auf sich. Denn diese ersetzen in Alan Wake Granat- und Raketenwerfer. Zückt ihr etwa eine Leuchtfackel, erhellt ein roter Schein die Finsternis der Wälder. Zwischen dichtem Rauch und grellem Licht ziehen sich die Besessenen schnell zurück oder verlieren ihren Dunkelheitspanzer. Leuchtpistolen und Blendgranaten löschen die Unholde sogar vollständig aus. Nach den hellen Blitzen zerfallen die Fieslinge einfach zu Staub. Das sieht spektakulär aus und ist in brenzligen Situationen oftmals die letzte Rettung. Aber leider ist das Kampfsystem alles andere als perfekt: Das Trio aus Blenden, Flüchten und Abschießen verliert nach einiger Zeit merklich an Dramatik. Und ob wir nun besessene Menschen, Maschinen oder gar Objekte mit der Taschenlampe bearbeiten, macht kaum einen Unterschied. Nachdem ihr etwa das Minenmuseum hinter euch gelassen habt, nehmt ihr es mit einem wild gewordenen Bagger auf. Das ist zwar eigentlich spannend, aber wenn wir uns danach noch mit verhexten Zahnrädern, Fässern und Stützbalken herum ärgern, wirkt das Ganze schon ein wenig albern.
Außerdem mangelt es den Kämpfen an Übersicht. Die Kameraperspektive ist einer von Alan’s größten Gegnern. Plötzliche Angriffe von Besessenen werden mit einer kleinen Sequenz eingeleitet. So huscht etwa ein Schatten vor euch durch das Licht. Oder ein Axtmörder posiert fotogen mit seinem Arbeitswerkzeug. Aber leider tauchen oftmals fünf und mehr Widersacher auf einmal auf. Diese bewerfen Alan mit Äxten und Sensen oder rennen ihn über den Haufen. Bei jedem Treffer färbt sich der Bildschirm kurz rot und das Bild wackelt. Danach ist die Kamera noch dichter am Geschehen. Oftmals hängen Äste oder andere Objekte im Weg. Dann hilft nur noch die Flucht. Doch Alan Wake ist kein Superheld. Er leidet unter den Verletzungen und ihm geht nach kurzen Sprints schnell die Puste aus. Übertreibt ihr es mit dem Dauerlauf, muss er gar eine sekundenlange Pause einlegen und verschnaufen. So enden viele Gefechte mit eurem Ableben. Immerhin sind die Speicherpunkte fair gesetzt.

Abseits der Kämpfe baut Alan Wake auf kleinere Rätsel, die diesen Namen allerdings kaum verdienen. Meist rennt ihr lediglich dem gelben Punkt auf eurem Radar hinterher und sucht so nach Gegenständen. Auch das Mini-Game beim Anlassen von Generatoren hätte sich Remedy sparen können. Ob wir nun ein, zwei oder drei Mal auf die A-Taste drücken, macht kaum einen Unterschied. Eine weitere Schwäche von Alan Wake ist im Szenario Bright Falls selbst. Einen Großteil der Spielzeit verbringt ihr in den finsteren Wäldern des Bergdorfs. Diese sind zweifellos klasse inszeniert: Je näher ihr der dunklen Macht kommt, desto chaotischer und bedrohlicher wird die Umgebung. Finstere Nebelschwaden ziehen auf. Überall huschen Schatten. Wind rauscht unheimlich durch die Baumwipfel. Alan Wake spielt mit euren Emotionen und erzeugt ein großartiges Gefühl der Bedrohung und Ausweglosigkeit. So atmosphärisch das Spiel aber sein mag, über weite Strecken rennt ihr eben nur durch einen Wald, was auf Dauer eintönig ist. Und trotz hübscher Schauplätze wie den Minen oder dem Lovers’ Peak fehlt es ein wenig an Abwechslung.
Fazit:Angst. Schrecken. Spielspaß. Alan Wake zelebriert den virtuellen Grusel in meisterhafter Weise. Die innovative Erzählstruktur und die packende Geschichte sind ein Garant für acht bis zehn unheimliche Spielstunden. So grandios atmosphärisch Alan Wake aber auch sein mag, so fehlt doch einiges zur Perfektion. Das Kampfsystem ist auf Dauer zu eintönig. Auch dem Szenario mangelt es an Abwechslung. Und die häufigen Neustarts zehren an den Nerven. Trotzdem: Alan Wake ist ein tolles Spiel für Freunde finsterer Schauermärchen. Licht ausschalten. Alan Wake einlegen. Und die Gänsehaut genießen.

