Portal 2

31. Mai 2011                                                                                  Autor: Dennis Schuppler (ds)

Es sind erst die Bösewichte, die uns den wahren Wert einer Geschichte erkennen lassen: Ohne Darth Vader kein Krieg der Sterne, ohne Benjamin Linus kein Lost und ohne GLaDOS kein Portal. Als am Ende des 1. Teils die süßlichen Klänge von Still Alive wie Kuchenteig aus den Boxen quollen, war ich zwar fertig mit Portal – aber Portal noch lange nicht mit mir. Die Stimme von GLaDOS hallte in meinem Hirn nach und flüsterte leise: Dieses Spiel wird deine Wahrnehmung von Videogames für alle Zeiten verändern. Und GLaDOS hatte Recht.

Schießen und schimpfen, laufen und schnaufen, agieren und reagieren – viel mehr verlangen uns die meisten Spiele nicht ab. Bloß keine Zeit zum Nachdenken lassen, denn sonst fällt das ganze Spielkonzept wie ein Kartenhaus in sich zusammen: Das lineare Story-Prinzip wurde schon tausendfach benutzt und erstickt jede Kreativität im Keim. Leblose Charaktere erwärmen weder Herz noch Hirn, sondern werden lediglich durch Knöpfchendrücken von Level zu Level gehetzt.

GLaDOS ist nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Bits und Bytes. Doch in ihren Schaltkreisen spielen die Chips verrückt. GLaDOS besitzt mehr Ecken und Kanten als ein Companion Cube und gleicht dadurch Benjamin Linus aus LOST, der in einer Sekunde Mitleid, in der nächsten Sympathie und in der übernächsten Hass auslösen konnte. Deshalb hat sie im 1. Teil Gefühle geweckt, Geschichte geschrieben und war weit mehr als ein Endgegner, der besiegt werden wollte.

Jetzt begegnen wir uns wieder. Zwei Todfeinde, die durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden sind. Das völlig verwahrloste Hotelzimmer am Beginn von Portal 2 wirkt zwar so wenig appetitlich wie eine Einladung zum Dinner, die mit Hannibal Lecter unterzeichnet ist, bietet aber immerhin trügerischen Frieden. Bereits nach einer kurzen Inspektion entpuppt sich das angebliche Hotelzimmer aber als Teil einer gigantischen Forschungseinrichtung, die von einem riesigen Roboter-Auge namens Wheatley bewacht wird.

Wheatley wird in den nächsten Spielstunden nicht mehr von eurer Seite weichen und eurer wichtigster Verbündeter im Kampf gegen GLaDOS sein – denn durch seine Schusseligkeit wird sie wieder zum Leben erweckt. Die anschließende Flucht wird zu einer Retro-Reise durch Portal: In bereits bekannten Szenarien aus dem Vorgänger spielt Portal 2 geschickt und subtil sein Tutorial ab, bis die Lernkurve rasant ansteigt.

“Was schnell hineingeht, kommt auch schnell wieder hinaus” – das gilt nicht nur für schnell getrunkenen Wodka, sondern auch für alles, was ihr durch die Portale befördert. Diesen Merksatz und andere Eigenheiten der Portale solltet ihr immer im Hinterkopf behalten! Ihr beißt euch an einer extra-knackigen Rätselnuss die Szene aus? Dann müsst ihr solange auf ihr herumkauen, bis ihre harte Schale irgendwann bricht. Eine Hilfe-Funktion oder ein anpassbarer Schwierigkeitsgrad kommt in der Gedankenwelt von GLaDOS nicht vor. Dank des ausgeklügelten Level-Designs sind Frust-Momente aber rar gesät – aus nahezu jeder Situation gibt es einen Ausweg, so ausweglos sie im ersten Moment auch wirkt.
Im Vergleich zum Vorgänger hat Portal 2 bei der Schwierigkeit der Rätsel und bei der Spieldauer deutlich zugelegt: Ihr könnt 10 Stunden oder mehrere Jahre in der bizarren Maschinenwelt von Aperture Science gefangen sein. Dabei gelingt es dem Entwickler Valve das Kunststück, die einzelnen Rätsel in eine äußerst gelungene Geschichte einzubetten. Die Story von Portal 2 ist nicht nur etwas Leim, um einfach Rätsel-Raum an den nächsten zu kleben, sondern fasziniert mit vielen Details über Aperture Science, Wheatley und andere Figuren, die euren Weg kreuzen.

Der 1. Teil verließ sich bei seiner Inszenierung stark auf seine Überraschungseffekte: Den ersten Aha-Effekt gab es, als sich GLaDOS zu Wort meldete –gefolgt von einem Oho-Effekt, als ihr schließlich eure Portal Gun in den Händen hieltet. Portal 2 überrascht hingegen mit neuen Spiel-Elementen, die nicht wie erzwungene Kreativität wirken, sondern sich harmonisch in die Welt von Aperture Science integrieren.

In sanftem Blau schimmern Laufbänder, die euch entweder als Gehweg dienen oder als Schutz gegen Selbstschutzanlagen dienen. Bereits in den frühen Videos zu Portal 2 zeigte sich, dass die neuen Gel-Flüssigkeiten zum heimlichen Liebling unter den Spielern entwickeln würden: Orangefarbenes Gel beschleunigt eure Bewegungen, während blaues Gel dafür sorgt, dass ihr wie ein Springball hüpfen könnt. Mit weißem Gel könnt ihr schließlich dafür sorgen, dass Portale auch an Stellen geöffnet werden können, die sich zuvor noch als resistent erwiesen haben. Das glibbrige Gel könnt ihr allerdings nicht mitnehmen, sondern seid darauf angewiesen, dass es von der Level-Decke tropft oder aus einem Spalt in der Wand läuft.

Aus diesen drei Flüssigkeiten hat Valve einen kreativen Rätsel-Cocktail gemixt, der euch schnell zu Kopf steigt und das Gehirn verknotet. Sie lösen allerdings ungeahnte Glücksgefühle aus, wenn ihr euch die Lösung erknobelt habt. Und so taumelt ihr freudig im Glücksrausch durch die 10 Kapitel und 22 Testkammern.

Immer gehetzt von dem Gedanken, dass GLaDOS bloß euren Tod will – und dass ihr unbedingt wissen wollt, was für eine fiese Falle sie sich als nächstes für euch ausgedacht hat. Durch diese Kombination gelingt es Portal 2 einen einzigartigen Wiederspielwert zu erschaffen. Durch diese Wirkung seid ihr wirklich mittendrin statt nur dabei.

Fazit:
Mit Portal hat Valve Videospiel-Geschichte geschrieben. Mit Portal 2 hat Valve ein Tor zu einer anderen Spielewelt geöffnet. Statt sich auf dem Erfolg auszuruhen, wurden die bereits bekannten und beliebten Elemente von Portal erweitert, um auch im Jahr 2011 ein Spiel abzuliefern, dass am Rande der Perfektion liegt – weit ab von anderen gehypten Spielen, die letztlich mehr heiße Luft als alles andere sind. Portal 2 übertrifft die Erwartungen und zeigt, dass innovative Konzepte und knackig-schwere Rätsel auch auf einem Massenmarkt Chancen haben und nicht zur Existenz in der Indie-Ecke verdammt sind.

Koop-Modus von Portal 2:

Der Einzelspieler-Modus von Portal 2 war bereits derart perfekt, dass man die Angst haben musste vom Koop enttäuscht zu werden.

Bei den meisten Spielen bedeutet Koop-Modus nichts anderes als „Und jetzt noch einmal die Einzelspieler-Kampagne mit einem Freund aus Fleisch und Blut“. Doch mit solchen Tricks zur Spielzeitverlängerung will Portal 2 nichts zu tun haben: 5 neue Kapitel mit 6-8 Stunden Spielzeit warten auf euch.

In Gestalt der beiden Roboter Atlas (lang und schmal) und P-Body (klein und dick) flüchtet ihr durch rund 20 einzelne Level, die jedoch ohne wirkliche Story miteinander verbunden sind – was aber nicht wirklich schlimm ist.