Blur
30. Juni 2011 Autor: Dennis Schuppler (ds)

Selten stellte ein TV-Spot derart gut die Inhalte eines Spiels dar, wie im Falle von Blur. In der Fernsehwerbung schießt Entwickler Bizarre Creations scharf gegen Nintendos Vorzeige-Flitzer Mario Kart. Die Message: Wer will schon in putzigen Karts mit niedlichen Charakteren über Zuckergussstrecken tuckern? Richtig! Tausende von Videospielern, auch wenn es noch so uncool ist. Blur sieht sich dennoch als erwachsene Alternative zu Mario Kart und fährt damit auch goldrichtig. Denn der Racer kombiniert die flotte Spielbarkeit eines Project Gotham Racing mit dem zwanglosen Power-up-Einsatz des rasenden Klempners.
Dabei hält sich Blur geradezu fanatisch an die Grundprinzipien des Vorgängers Project Gotham Racing. Der Singleplayer-Modus umfasst insgesamt 9 Rennserien mit jeweils sieben Events. Leider bietet das Spiel – im Gegensatz zum aktuellen Arcade-Konkurrenten Split/Second: Velocity – zu wenig verschiedene Rennoptionen. Neben dem normalen Rundenrennen mit bis zu 20 Fahrern erwarten euch die wilde Checkpoint-Hatz sowie pure “Zerstörung”. Während ihr also bei einen Icons aufsammelt, um Zeitboni zu erhaschen, schießt ihr eure Gegner in “Zerstörung” mit Power-ups zu Klump. Ist zwar beides durchaus spaßig, ein paar Innovationen hätten dennoch nicht geschadet.

Dass Blur trotzdem nicht zur langweiligen Routine-Raserei gerät, liegt am vielfältigen Bewertungssystem. Eure Aufgabe im Story-Modus ist es nämlich, Leuchten zu sammeln. Diese erhaltet ihr für möglichst hohe Platzierungen, aber auch für unterhaltsame Zusatzaufgaben. So müsst ihr etwa eure Fans begeistern. Die grölende Masse freut sich natürlich besonders über coole Manöver wie Sprünge oder lange Drifts. Auch versetzt der gezielte Einsatz von Power-ups die Zuschauer in Ekstase. Schubst beispielsweise einen überholenden Widersacher mit der Druckwelle eines Power-Ups in den Abgrund. Klasse! Das gibt gleich doppelte Punkte. Fährt ein Gegner in eine von euch platzierte Mine, gibt es ebenfalls einen kleinen Bonus. Außerdem aktiviert ihr Fan-Herausforderungen, indem ihr farbige Icons überfahrt. Dann werden plötzlich gelbe Tore auf der Strecke eingeblendet. Indem ihr diese durchfahrt, gewinnt ihr neue Fans.
Doch was Blur im Kern auszeichnet, sind natürlich die Power-ups. Sie und die gelungene Fahrer-KI machen jedes Rennen zur Herausforderung. Die Konkurrenz fährt zwar hart, aber unfair. Sie drängelt, rempelt und schiebt wie Michael Schumacher zu seinen besten Zeiten. Außerdem nutzen eure Widersacher die Power-ups mit tödlicher Genauigkeit. Sammelt ein KI-Gegner etwa eine Mine auf, platziert er diese clever hinter einem der bunten Power-up-Icons. Schnappt er sich hingegen einen roten Energieball, feuert er diesen auf den nächsten gegnerischen Fahrer. Das macht Blur ungeheuer herausfordernd. Nicht selten enden Rennen mit haarsträubenden Foto-Finishes. Da rast ihr zum Beispiel mit einem Audi A3 über die hügeligen Straßen San Franciscos Richtung Zielgerade, als euch im letzten Moment ein KI-Fahrer mit dem Nitro rechts überholt. Tja, bei Blur liegen Freude und Frustration eben dicht beieinander.

Besonders der Erstplatzierte bekommt im Verlauf des Rennens ordentlich was auf die Kühlerhaube: Auf ihn richtet sich der gesammelte Hass der Konkurrenz. Die blauen Blitze beispielsweise werden automatisch kurz vor dem Führenden gezündet. Fährt der hindurch, verliert er Zeit. Die besagten Energiebälle dagegen können mittels eines roten Fadenkreuzes auf einen beliebigen Widersacher geschossen werden. Da hilft auch der beherzte Einsatz der weißen Schutzschilde nichts. Allerdings ist der Führende in Blur seinen Peinigern nicht wehrlos ausgeliefert: Zieht ihr den linken Analogstick nach hinten, könnt ihr die Power-Ups auch in die andere Richtung einsetzen.
Eines muss man Bizarre Creations lassen. Die Power-ups sind trotz ihrer Fülle nahezu perfekt ausbalanciert. Im Gegensatz zu Mario Kart gibt es hier kein Icon, das euch automatisch an die Spitze des Feldes bringt. Vielmehr ist der beherzte Einsatz der Waffen lediglich ein Faktor von vielen auf dem Weg zum Sieg. Denn im Grunde ist Blur zwar ein Arcade-Racer – aber einer mit gehobenem Anspruch. Die Bremse ist im Gegensatz zu Split/Second: Velocity nicht nur zum Angucken da. Außerdem steuern sich die über 100 Autos sehr unterschiedlich. Wer gerne driftet, sollte es zum Beispiel mit einem PS-starken MuscleCar wie den Chevrolet Camaro versuchen. Steht ihr hingegen eher auf gediegene Autos und Sicherheit auf der Strecke, ist der Audi A3 ideal.

Der Fuhrpark sind in vier verschiedene Rennserien aufgeteilt (von A bis D). In der obersten Klasse findet ihr formschöne Sportwagen – von der Corvette bis zum Koenigsegg CCX-R. Einen Zahn müssen wir euch allerdings gleich ziehen. Ein klassisches Schadensmodell gibt es in diesem Spiel leider nicht. Ein kleiner Balken in der oberen Bildschirmhälfte zeigt den aktuellen Zustand eures Gefährts an. Mit jedem Crash und jedem Treffer sinkt die Anzeige weiter, bis euer Wagen schließlich krachend auseinander fällt. Dann erhaltet ihr sofort einen neuen und könnt das Spiel fortsetzen. Der Weg bis zur völligen Zerstörung ist allerdings recht überschaubar. Da fliegt der Kofferraum auf, die Scheiben zerspringen, und einige Kratzer zeigen sich im Lack. Riesige Beulen oder gar umherfliegende Einzelteile gibt’s in Blur nur sehr selten. Da hatten wohl die Autohersteller was dagegen – wie in fast jedem Spiel, in dem es um Autos zerlegen geht…
Ein wenig Kritik muss sich Blur trotz aller Stärken gefallen lassen. So sind etwa die beiden Kameraperspektiven wenig komfortabel. Das Rennspiel bietet lediglich Verfolger- und Stoßstangenperspektive. Wir hätten uns über eine hübsche Cockpitansicht ebenfalls gefreut. Weiterhin zerrt die Gummiband-KI häufig an den Nerven. Wir wurden während unserer Test-Sessions mehr als einmal durch das komplette Feld gereicht. Extrem ärgerlich! Aber auf der anderen Seite haben wir auch genauso viele Rennen haarscharf für uns entscheiden können. Das Gummiband dehnt sich also in beide Richtungen. Dadurch hält sich der Frust in Grenzen und die Euphorie über die tollen, actiongeladenen Rennen überwiegt.

Ihren absoluten Höhepunkt erreicht jede der neun Blur-Serien im finalen Fight gegen einen Profifahrer. Für ein Duell mit ihm müsst ihr euch zunächst gesondert qualifizieren. Etwa, indem ihr eine bestimmte Strecke driftet oder möglichst viele Autos kaputt macht. Euer Kontrahent verfügt dann über einen besonders hübschen fahrbaren Untersatz der natürlich auch besonders getuned ist. Gewinnt ihr, erhaltet ihr beides als Prämie. So könnt ihr den Pro entweder sauber abhängen oder einfach mit Power-ups pulverisieren. Ihr habt die Wahl.
Die so genannten Mods sind eine nette RPG-Dreingabe. Bis zu drei dieser passiven Extras finden Platz unter eurer Motorhaube. So verpasst ihr euren Abräumern mehr Dampf oder spendiert euch einen Boost gleich zu Beginn jeder Runde. Durch die insgesamt 24 Mods bleibt jede Menge Spielraum für Experimente – besonders im Mehrspieler-Modus. Dieser überzeugt schon aufgrund der Gruppendynamik. Es ist einfach ein diebischer Spaß, seinem Kumpel in letzter Sekunde den Spitzenplatz abzujagen, indem man ihm eine Lenkrakete in den Auspuff ballert.
Zwar erreicht ihr die Levelgrenze von 25 im Singleplayer-Modus recht schnell, doch schaltet ihr mit der Multiplayer-Variante insgesamt 50 Erfahrungsstufen frei. Auf diese Weise aktiviert ihr nach und nach immer neue Fahrzeuge, Lackierungen und Extras. Damit eure Freunde all eure glorreichen Momente mitbekommen, könnt ihr eure Erfolge sofort über Twitter und Facebook posten.
Fazit:Blur kombiniert alles, was gute Videospiele ausmacht. Es ist sofort zugänglich, sofort spaßig und obendrein ungeheuer motivierend. Bizarre Creations hat allen Boooh-Rufen zum Trotz einen erstklassigen Arcade-Racer auf die Räder gestellt. Die Power-ups sind eine tolle Ergänzung zum bewährten Stil eines Project Gotham Racing’s. Blur macht einfach gute Laune!

